Von:
Uta Schmechta

e-lebenswelt.de

Bunte Zelte leuchten unter dem Septemberhimmel, Rauchfahnen steigen von Feuerstellen auf, zu trinken gibt es Met oder Kirschbier, aber auch Knoblauchschnaps. Buden preisen ihre Brotfladen und Knappenspieß an. Nebenan hat ein Bader seinen Holzzuber unter einer Zeltplane aufgestellt und bietet seine Blutegel als medizinische Helfer an. Wer will, kann seine Goldmünzen beim Eier werfen oder Mäuseroulette einsetzen – angelockt von launigen Bemerkungen und derben Sprüchen.

So ein Mittelalterfest ist eine ganz eigene Welt. Und ich tauche immer mal wieder gerne in diese Welt ein. Die Musik und die Farben, die Gerüche von Spießbraten und Gewürzen versetzen in eine Zeit der Burgen und der Pferde und Ritter. Und dann wird zum Turnier gerufen. Pferde mit bunten Decken tänzeln und bäumen sich auf. Ein Herold stellt die einzelnen Kämpfer vor.

Was fasziniert an der Lebenswelt des Mittelalters? Die Rollen sind klar definiert. Es geht um Ritterlichkeit. Kampf Gut gegen Böse, Fair gegen unfair. Der Steuereintreiber des Königs, der sich das Schloss und seine schöne Besitzerin unter den Nagel reißen und nebenbei mal eben ein paar mutige Bauern hängen lassen will, er wird ausgebuht. Wir, das Publikum, sind ganz dabei. Ist es noch das Unrecht von damals oder auch manches, was vielen heute aufstößt? Unfaire Chefs. Feindliche Übernahme der eigenen Firma und ausgehebelte Arbeitnehmerrechte? Global Players auf dem Turnierplatz der Globalisierung!?

Und dann tritt er auf: Der Ritter, der auf seinem Schimmel anreitet gegen das Unrecht. Der habgierige Ritter oder Vogt erscheint ebenfalls hoch zu Roß und eben nicht im Nadelstreifenanzug. Trotz mancher Intrige und einiger Rückschläge feiern die ritterlichen Tugenden und Ideale schließlich den Sieg auf dem Kampfplatz.

Schon in der Romantik hatten diese Geschichten und Ritterepen Hochkonjunktur. Und haben nichts von ihrer Faszination verloren. Die Bilder des Kampfes und des Gerüstetseins gegen Unrecht lassen Bilder anklingen, die im frühen Christentum entwickelt wurden: Hier ist von der geistlichen Waffenrüstung die Rede und vom Kampf, den Menschen für das Gute ausfechten sollen. Und auch vom Kampf, der manchmal in uns selbst ausgefochten werden muss – gegen Trägheit, gegen Feigheit, gegen Unterwürfigkeit.

Denn auch das eigene Ich kann zum Kampfplatz werden – zwischen Gedanken der Negativität und Selbstaufgabe, dem: Ich bin doch zu klein, zu unwichtig, Gedanken des Neides oder der Ungeduld, der Lustlosigkeit und Trägheit, der Schadenfreude – und den Gefühlen und Gedanken, mit denen ich mich und andere bestärke, ihnen und mir Gutes zutraue und Gutes gönne. Wo ich Worte finde, wenn etwas schief liegt oder wo ich für jemand eintrete, der meine Unterstützung braucht. Da ist eigentlich jeder Christ wie ein Ritter gefordert. Aufgerufen, Schwächeren zu helfen. Entschieden den Mund auf zumachen. Klar zu sagen, was Sache ist. Wieder zurück in unserer Lebenswelt mag dies erscheinen wie ein ferner Traum. Und vielleicht muss man ja auch ein schönes Mittelalterfest einfach nehmen als das, was es ist. Aber man darf auch mal der Phantasie ihren Raum lassen. Eintauchen in andere Lebenswelten kann uns Seiten an uns selbst entdecken lassen, die uns vorher fremd waren, oder die noch ans Alltagslicht, in die Alltagstauglichkeit hinein entwickelt werden können.